In den letzten Jahren hat sich die Arbeitswelt massiv verändert. Durch die Pandemie kennen wir mittlerweile die Vorzüge des Homeoffice, und vor allem die jüngeren Generationen fordern auch immer stärker eine Reduzierung der Wochenarbeitszeit. Dem entgegen steht jedoch ein immer frappierender werdender Fachkräftemangel. Am 1. Mai forderte jetzt auch Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger eine Trendwende: „Wir brauchen mehr und nicht weniger Arbeit in Deutschland“, zitiert der Spiegel Dulger.

Und auch in anderen europäischen Ländern scheint das Thema New Work langsam aus der Mode zu fallen. So dürfen Arbeitnehmende in Griechenland ab dem 1. Juli sogar sechs Tage pro Woche arbeiten. Laut Arbeitsmarktexperten Holger Schäfer ist die Debatte über die Wochenarbeitszeit aber nicht die einzige mögliche Herangehensweise an das Problem des Fachkräftemangels. 

„Es gibt keinen anstrengungslosen Wohlstand“

Im Rahmen des Tags der Arbeit äußerte sich Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger kritisch zu den arbeitsrechtlichen Trends der letzten Jahre. Mit seinen Äußerungen ist er dabei nicht allein. Auch Bundesfinanzminister Christian Lindner monierte erst kürzlich die mangelnde Arbeitsmoral der Deutschen. „In Italien, in Frankreich und anderswo wird deutlich mehr gearbeitet als bei uns“, so Lindner.

Aus der Luft gegriffen sind diese Vergleiche dabei nicht. So zeigte eine Studie der niederländischen Universität Groningen, dass die Deutschen pro Jahr durchschnittlich 1.400 Stunden arbeiten und damit im europäischen Vergleich einen der hinteren Plätze belegen. Deutlich besser schnitt beispielsweise Griechenland mit 2.000 Stunden pro Jahr ab. 

Mehr zum Thema:

Griechenland führt ab Juli 6-Tage-Woche ein

Und gerade Griechenland möchte an dieser Zahl offenbar noch weiter drehen: Wie die Wirtschaftswoche schreibt, soll ein neues Gesetz ab dem 1. Juli 2024 eine 6-Tage-Woche ermöglichen. Die Regelung soll auf Freiwilligkeit basieren und sich für Arbeitnehmende rentieren. Bei Arbeit an einem Samstag lockt ein Gehaltsaufschlag von 40 Prozent, bei Arbeit an Sonn- oder Feiertag sogar von 115 Prozent.

Wie viel davon am Ende auf dem Konto der mehr arbeitenden Arbeitnehmer tatsächlich ankommen wird, bleibt abzuwarten. So gibt Griechenland-Experte Jens Bastian zu bedenken, dass bereits jetzt viele griechische Arbeitnehmer:innen mehr als einen Job haben, um angesichts hoher Steuern und Sozialabgaben ihren Lebensstandard zu finanzieren. 

Zudem heißt es zwar offiziell, die Mehrarbeit sei freiwillig – doch wenn das Unternehmen den weiteren Tag einfordert, werden sich viele Arbeitnehmende wohl überlegen, ob sie diesen wirklich ablehnen wollen.

Deutschland muss sein Arbeitskräftepotenzial besser ausreizen

Angst um einen direkten Umschwung von 4-Tage-Woche hin zu 6-Tage-Woche brauchen sich deutsche Arbeitnehmende nun jedoch nicht zu machen. Wie Bastian betont, sei das Modell hierzulande aufgrund der Tarif- und Arbeitsrechte nicht anwendbar. Die Deutschen wollen vor allem weniger arbeiten. Da dies jedoch nicht in allen Fällen mit vollem Lohnausgleich funktioniert, entwickelt sich Deutschland zunehmend zu einer „Teilzeitrepublik“.

In einem Interview mit der Wirtschaftswoche sagte der Arbeitsmarktexperte Holger Schäfer, dass sich die Teilzeitquote in der Bundesrepublik seit 1991 mehr als verdoppelt habe. Waren es damals noch nur knapp 14 Prozent, sind es mittlerweile 31 Prozent der Deutschen, die in einem Teilzeitmodell arbeiten. Diese Steigerung ist aber nicht nur der mangelnden Lust zur Arbeit geschuldet. Gerade Frauen haben in vielen Fällen angesichts nicht ausreichend vorhandener Kinderbetreuungsplätze schlicht keine andere Option. 

Schäfer sieht für die Lösung des Fachkräftemangels drei zentrale Stellschrauben: Eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit, ein späteres Rentenalter sowie eine Verbesserung der Zuwanderungspolitik. War es das nun also schon wieder, mit der schönen neuen New Work Welt?

Zuwanderung könnte die Rettung sein

Nicht ganz. Denn was Schäfers These angeht, so zeigt sie auch alternative Stellschrauben auf, mit Hilfe derer die aktuelle Lage verbessert werden könnte. Vor allem eine Optimierung der Zuwanderungspolitik wäre dringend notwendig. Aktuell wird Fachkräften aus dem Ausland zwar suggeriert, sie seien hier herzlich willkommen, doch allein an Termine für die Beantragung einer Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis zu kommen, ist teils ein Ding der Unmöglichkeit.

Denn wie Schäfer selbst betont, liegt das Kernproblem des Fachkräftemangels nicht darin, dass die Deutschen die Jobs nicht wollen – sie können die geforderten Qualifikationen in vielen Fällen schlicht nicht leisten. „Zugespitzt gesagt: Sie können aus einem Krabbenpuler nur schwer einen Computerexperten machen“, so Schäfer,